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Frühe Weichenstellung

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Auch wenn es bei uns, die diesen Artikel jetzt lesen, vermutlich schon zu spät ist: die Basis für viele unserer Leiden im Leben wird bereits im Bauch der Mutter gelegt. Egal ob Krebserkrankung, Schlaganfall, Herzinfarkt, Diabetes oder depressiver Episode, Ursachen für viele Krankheitsbilder sehen Mediziner vieler Fachrichtungen bereits im Verlauf der neunmonatigen Schwangerschaft. Dies belegt auch eine aktuelle Studie des Universitäts-Klinikums Hamburg-Eppendorf (UKE), die ermitteln sollte, welchen Einfluss der elterliche und hier vor allem mütterliche Lebensstil während der Schwangerschaft auf die Zukunft ihres ersten Kindes haben würde. Die werdenden Mütter wurden begleitet, befragt und mehrfach untersucht, füllten immer wieder Formblätter aus. Und auch das Ungeborene sowie das Neugeborene wurden längere Zeit genau betrachtet. „Prenatal Identification of Children’s Health“ (Prince) heißt die Langzeitstudie. Die Teilnehmerinnen werden mit ihren Kindern lange regelmäßig „überwacht“ im positiven Sinne, um bei aktuellen und folgenden Erkrankungen Rückschlüsse ziehen zu können.

Im Ergebnis sind sich nicht nur die Experten der Berliner Charité oder des UKE einig: „Die Zeit im Mutterleib entscheidet über die spätere Entwicklung unserer Kinder“, so Dr. Bernd Gerresheim, Chefarzt der Klinik für Geburtshilfe und perinatale Medizin des Diakonie Klinikums Jung-Stilling und Markus Pingel, der leitende Arzt der Neonatologie und Pädiatrischen Intensivmedizin der DRK-Kinderklinik Siegen, unisono. Sowohl die Ernährung als auch die grundsätzliche emotionale Beziehung von Mutter und Vater während der Schwangerschaft und in den ersten Lebensjahren beeinflussen aus Sicht der Siegener Experten für das ungeborene und kleine Kind die weitere physische und psychische Entwicklung weichenstellend.

„Bereits vor über 20 Jahren entdeckte die Wissenschaft erste Hinweise auf den Zusammenhang von Geburtsgewicht und späteren Herzkrankheiten“, erläutert der Siegener Kinderkardiologe und Neonatologe Dr. Manfred Schill. In den vergangenen Jahren hat diese „pränatale Programmierung“ immer mehr Forscher fasziniert, immer neue Studien belegen die Beziehungen.

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Dabei ist das Interesse der Medizin, aber auch der Gesellschaft als solche hoch. Auf der ganzen Welt gilt die Zeit von Schwangerschaft bis zur frühen Kindheit als wichtiger Präventionszeitraum, der Weichen stellt. So kann man zukünftig die Kosten senken zu können, welche zunehmend durch Zivilisationskrankheiten wie Adipositas, chronische Erkrankungen, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen verursacht werden.

Laut dem Ärztlichen Direktor der DRK-Kinderklinik Siegen, Prof. Dr. Manfred Ballmann, „ist es erwiesen, dass Stress der Mutter schon beim Ungeborenen eine Neigung zu Allergien nach sich zieht.“ Der Pneumologe und Allergologe steht im interdisziplinären Kontakt mit seinen Kollegen u den anderen Fachbereichen und möchte zusammen mit seinen Kollegen mehr Bewusstsein schaffen, für das, was die Eltern tun oder auch lassen im Zusammenhang mit IHREM Kind. Forscher konnten nachweisen, dass die Kinder depressiver Frauen bereits im Mutterleib empfindlicher auf Stress reagieren als die Feten im Bauch von Müttern mit stabiler Gemütslage. So lassen sich in den letzten Jahren durchaus Zunahmen bei den großen Volkskrankheiten schon bei den Kindern und Jugendlichen der Region feststellen. Diabetes, Adipositas und Depressionen sind längst nicht mehr nur Krankheitsbilder, die nur bei älteren Mitmenschen diagnostiziert werden.

Doch was konkret empfehlen die Kinder- und Jugendmediziner nun (werdenden) Eltern?

Aus Sicht des Neonatologen Pingel „sehen wir immer wieder, dass eine positive Beziehung zum Kind, egal ob im Mutterleib oder beim späteren Früh- oder Neugeborenen, äußerst positive Einflüsse auf die Entwicklung hat. Wir animieren bspw. Eltern von Früh- oder kranken Neugeborenen zum häufigen „Kanguruhen“, damit sich ein enger körperlicher und emotionaler Kontakt zum Kind aufbaut.“ Die jahrelangen Erfahrungen bei der Versorgung im Perinatalzentrum und den anschließenden Versorgungsangeboten auf dem Wellersberg bestätigen den Experten, beobachten seine Kollegen und er doch eine deutlich bessere Entwicklung bei den Patienten, die in einem positiven und stabilen Umfeld heranwachsen. „Uns als Kinder- und Jugendmedizinern liegt eine möglichst normale Entwicklung am Herzen. Daher können Mütter, die bekannte Risikofaktoren wie das Rauchen, der Alkoholgenuss oder Übergewicht bewusst vermeiden, nicht nur sich selbst etwas Gutes tun. Vor allem ihr Kind wird ihnen ein Leben lang dankbar sein“ appelliert Chefarzt Prof. Dr. Ballmann. Übertreiben sollte man es aus Sicht der Kinderärzte vom Wellersberg aber auch nicht. Man muss jetzt nicht Hund oder Katze abgeben, sobald man Nachwuchs erwartet. Und auch ein völliger Verzicht oder eine massive Umstellung bedeutet nicht nur für die werdende Mutter Stress.

Allen vier Fachärzten, die sich um die Versorgung von über 1.200 Früh- und Neugeborenen in der Region kümmern, ist ein Aspekt ganz besonders wichtig. Um die schon jetzt hohe Zahl von jährlich über 450 zu versorgenden kranken Früh- und Neugeborenen im Perinatalzentrum Level 1 nicht noch weiter ansteigen zu lassen, appellieren Gerresheim, Pingel, Schill und Ballmann, daran, die Risiken während der Schwangerschaft möglichst zu minimieren. Bei einer möglichen Risikoschwangerschaft zählt dann aber jeder Tag, den es gemeinsam gelingt, das Kind im Mutterleib weiter heranwachsen zu lassen. Denn kein Brutkasten und noch so moderne Medizintechnik kann die natürliche Umgebung im Bauch der Mutter ersetzen.

Text: Arnd Dickel

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