Donnerstag , 21 September 2017
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Autonomie stärken

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Altern – das betrifft jeden Menschen und gehört zum Leben dazu. © Kaarsten – Fotolia.com

Stolz hält Gerda ihr neugeborenes Enkelkind im Arm und betrachtet fasziniert dieses kleine Wunder des Lebens. Sie ist nun dreifache Oma. Wie gern ist sie mit ihren Enkelkindern auf den Spielplatz gegangen oder hat für ein paar Stunden auf sie aufgepasst, während Tochter und Schwiegersohn auf der Arbeit waren. Doch das wird sie mit dem kleinen Jungen leider nicht mehr können. Die 87-Jährige sitzt im Rollstuhl. Seit einem Sturz im vergangenen November kann die alte Dame ihren Alltag nicht mehr ohne Hilfe bewältigen und lebt im Haus ihrer Tochter.

Altern – das betrifft jeden Menschen und gehört zum Leben dazu. Der Gedanke, im Alter auf fremde Hilfe angewiesen zu sein, bereitet vielen Unbehagen oder sogar Angst. Die demografische Entwicklung sorgt dafür, dass unsere Bevölkerung immer älter wird. In Deutschland werden im Jahr 2060 bereits 34 Prozent aller Menschen 65 Jahre oder älter sein. Je älter ein Mensch ist, desto anfälliger ist er für bestimmte Krankheiten. Damit wird in Zukunft auch die Bedeutung der Altersmedizin immer weiter zunehmen. Doch was bedeutet Altersmedizin?

Altern verändert Körper und Geist. Das Immunsystem wird schwächer, Organe verändern sich, das Erinnerungsvermögen lässt nach und der Mensch wird anfälliger für Krankheiten. Die Geriatrie als Fachabteilung für die Erkrankungen von älteren Menschen befasst sich vorwiegend mit dem Problem der Multimorbidität. Darunter wird das gleichzeitige Vorliegen mehrerer, den Patienten beeinträchtigenden Erkrankungen verstanden. So leiden Menschen häufig an Krankheiten wie Diabetes, chronischen Lungenerkrankungen oder Herzschwäche. Trotzdem können sie ihren Alltag selbstständig bewältigen. Dr. Guido Orth ist Chefarzt der Akut-Geriatrie im Diakonie Klinikum Kredenbach in Kreuztal. Der Fachmann weiß, wie schnell sich die Lebensumstände im Alter ändern können. „Kommt ein Ereignis hinzu wie zum Beispiel ein Sturz, ein Harninfekt oder eine Lungenentzündung, kann das Kartenhaus ‚alter Mensch’ zusammenbrechen.“ Auch eine Operation birgt das Risiko, danach nicht mehr den gleichen Status zu erreichen wie zuvor. „Wer nach einem Eingriff längere Zeit im Bett liegt, verliert einen großen Teil seiner Muskelmasse und kann dann vielleicht nicht mehr alleine laufen“, erklärt der Mediziner.

Die Altersmedizin vereint als Spezialdisziplin verschiedene medizinische Bereiche: Innere Medizin, Chirurgie, Orthopädie, Neurologie und Psychiatrie. Die Gruppe der Patienten leidet in der Regel unter aktiven Mehrfacherkrankungen und Gebrechlichkeit. Das erfordert einen individuellen und ganzheitlichen Therapieplan. „Altersmedizin ist immer Teamarbeit“, betont Dr. Orth. Der Facharzt für Innere Medizin versammelt eine starke Mannschaft um sich. Ärzte, Kranken- und Altenpflegekräfte, Sozialpädagogen, Ergo- und Physiotherapeuten, Logopäden, Psychologen und Seelsorger arbeiten eng zusammen. „Wir beraten uns im gesamten Team, um für den Patienten den bestmöglichen Therapieplan aufzustellen und kooperieren auch mit anderen Abteilungen des Krankenhauses.“

Die Akut-Geriatrie im Krankenhaus Kredenbach ist die einzige im Kreis Siegen-Wittgenstein. Im sogenannten „Geriatrischen Assessment“ werden vorliegende Erkrankungen diagnostiziert und nach den Fähigkeiten des Patienten geforscht. Unter welchen Krankheiten leidet er? Wie ist sein mentaler Zustand? Kann er alleine laufen? Braucht er Hilfe bei der Körperpflege? Welche Fortschritte macht er?

Ein Sozialarbeiter kann zum Beispiel helfen einzuschätzen, ob es noch möglich ist, jemanden zu Hause zu versorgen oder nicht. Ergotherapeuten fördern und stabilisieren vorhandene und verlorengegangene geistige, soziale und körperliche Fähigkeiten. Haben Dr. Orth und sein Team das Gefühl, dass ein Patient aus seinem Glauben Kraft und Lebensmut schöpfen kann, wird auch ein Pfarrer dazugeholt.

Das Ziel der Altersmedizin ist nicht ausschließlich Heilung. Vielmehr geht es darum, Beschwerden zu lindern, vorhandene Fähigkeiten zu erkennen und funktionelle Verluste wiederherzustellen. Der alte Mensch soll in seiner Autonomie so weit gestärkt werden, dass eine Pflegebedürftigkeit vermieden oder eliminiert werden kann. Dr. Orth hebt auch die Bedeutung der Angehörigen hervor: „Es ist sehr wichtig die Familie mit in die Therapie einzubeziehen. In einer wöchentlichen Angehörigen-Sprechstunde informieren alle an der Behandlung Beteiligten über mögliche Therapien und das weitere Vorgehen.“ Angehörige im Umgang mit pflegebedürftigen Familienmitgliedern zu beraten und zu schulen ist ein wichtiger Bestandteil der Altersmedizin. „Wir sorgen auch dafür, dass Patienten und Angehörige Techniken erlernen, um beispielsweise selbstständig in den Rollstuhl zu kommen“, erklärt der Chefarzt.

Geriatrische Patienten auch außerhalb der Krankenhäuser und Altenheime zu versorgen, wird in Zukunft zu einer immer größeren Herausforderung. Im Siegerland ist die Struktur der Mehrgenerationenhäuser noch weit verbreitet und Familien wohnen meist eng beieinander. So ist es für Kinder und Enkelkinder selbstverständlich, Oma und Opa beim Einkaufen zu helfen oder zum Arzt zu fahren.

„Nicht jeder 80-Jährige ist ein geriatrischer Patient. Trotzdem wird die Zahl aufgrund des demografischen Wandels weiter zunehmen“, so Dr. Orth. „Daher ist es besonders wichtig, dass Krankenhäuser sich vernetzen und auch an Hausärzte und Apotheken geriatrisches Know-how vermittelt wird.“

Altersmedizin – das ist starke Teamarbeit.In einer Akut-Geriatrie, wie sie im Krankenhaus Kredenbach zu finden ist, versorgen und betreuen Experten verschiedenster Fachbereiche, alte und kranke Patienten. So haben pflegebedürftige Menschen wie Gerda die Chance, ihren Lebensabend in der Obhut der Familie zu verbringen.

Text: Anne Schneider