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Carrera-Bahn des Lebens

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Bei der Carrera-Bahn macht jeder einen innerlichen Haken an das Thema. Klar finden gestandene Eltern Gefallen am Spielzeug ihrer Kinder. Es wird vielleicht noch im Bekanntenkreis gewitzelt, wer wohl mehr mit dem Aufbau der Geschenke unterm Weihnachtsbaum befasst war: Papa oder Kind. Etwas mehr Distanz entwickelt der Betrachter, wenn es um Krankheit geht. Nicht etwa beim Brechdurchfall, den das Kind aus der Tagesstätte unter den anderen Familienmitgliedern im behüteten Heim großzügig verteilt. Auch nicht beim Knochenbruch im Schulsport oder im Spiel der Damen-Handballmannschaft. Die größtmögliche Distanz oder gar Befangenheit tritt bei den Krankheiten ein, die den Start ins Leben zu einem beginnenden Leidensweg und das Lebensabend zu einem nicht endenden Alptraum werden lassen.

Die Distanz misst sich dann nicht nur in Jahren. Vielmehr bedarf es bei den Krankheitsbildern einer unterschiedlichen Herangehensweise bei der Betreuung und Behandlung. So spielen Demenz oder Arthrose im Säuglingsalter keine Rolle, genauso wenig wie Windpocken oder ein gespaltener Gaumen bei älteren Menschen. Unterschiedlicher könnten die beiden Patientengruppen demnach nicht sein – oder? Bei allen Unterschieden ist es gerade vor der gesellschaftlichen Entwicklung eine spannende und vielleicht auch zukunftsorientierte Fragestellung, ob es nicht doch Gemeinsamkeiten und damit eventuell auch Überschneidungen mit Blick auf die medizinischen Disziplinen gibt.

Jetzt haben sich Chefärzte unterschiedlicher Fachdisziplinen und Vertreter der Pflege aus den Siegerländer Kliniken zu einem Redaktionsgespräch für Gesundheit plus getroffen und sich mit dieser kniffligen Fragestellung auseinandergesetzt. Distanzabbau war dabei das erklärte Ziel der Redaktion. Und am Ende des Gesprächs wurde festgehalten: Die Carrera-Bahn, mit ihren Aufs und Abs und dem in sich geschlossenen Kreis, als Symbol für das Einlassen auf die jeweils besondere Situation zu Beginn und am Ende des Lebens ist nicht so abwegig. Doch einen Schritt nach dem anderen.

Start: Wann trifft der Geburtsmediziner schon einmal den Gerontologen? Vermutlich zum ersten Mal in der Redaktionsrunde von Gesundheit plus – zumindest in diesem Jahr. Trotz dieser scheinbaren Ferne war das Eis schnell gebrochen, nicht zuletzt durch provozierende Fragen der Redaktion. Es brauchte dann auch nicht lange und es entwickelte sich eine lebhafte Diskussion, die auch außerhalb der gestellten Fragen stattfand.

Die Pole-Position hatte, wie soll es anders sein, ein „Geburtsmediziner“. Dr. med. Badrig Melekian, Chefarzt der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe im St. Marien-Krankenhaus Siegen sieht die größte Schnittmenge zwischen Kindern und älteren Menschen in der Abhängigkeit von anderen und gleichzeitig auch in der fehlenden Autonomie. Dem konnten die anderen ohne Einwände zustimmen. Gleichzeitig machte Melekian aber noch auf einen Unterschied aufmerksam: „Im Normalfall kümmert sich immer jemand aus der Familie um das Kind, was bei älteren Menschen oft nicht der Fall ist.“ Daraus ergab sich ein kleines Duell, wie gerade die Medizin dem gesellschaftlichen Prozess immer kleiner werdenden Familien und einer Vereinsamung von meistens älteren Menschen begegnen kann.

Angeregte Diskussion: Chefärzte aus den Siegerländer Kliniken sprechen über Geburts- und Alltersmedizin.
Angeregte Diskussion: Chefärzte aus den Siegerländer Kliniken sprechen über Geburts- und Alltersmedizin.

Vor allem das medial gesteuerte Trugbild des „perfekten Menschen“ traf bei den Diskutanten auf Unverständnis: „Meistens wird es von den Angehörigen nicht akzeptiert, dass ein Mensch aus der eigenen Familie pathologisch altert“, fasst Dr. med. Guido Orth, Chefarzt der Geriatrie im Diakonie Klinikum Kredenbach, die Einschätzung der Mehrheit am Tisch als „Wimpernschlagzwischenstand“ zusammen. Viele Patienten würden teilweise so große Rückschritte machen, dass auch finanzielle Sorgen bei den Angehörigen auftreten würden. Eine Ansicht, die auch Dr. med. Manfred Ballmann, Chefarzt der Pädiatrie in der DRK-Kinderklinik Siegen teilt. Allerdings warf er auch ein, dass dieser Drang, in der heutigen Gesellschaft perfekt sein zu wollen, bereits im Säuglingsalter durch die Eltern einsetzt. Er sprach beispielhaft die Themen Durchschlafen oder das perfekte Gebiss an und erntete wohlwollendes Kopfnicken von den Beteiligten um sich herum. Mittlerweile habe sich hier eine Gemeinsamkeit entwickelt, so der Tenor.

Ausreißversuch: Eher beiläufig machte Dr. med. Bernd Gerresheim, Chefarzt der Klinik für Geburtshilfe und perinatale Medizin im Diakonie Klinikum Jung-Stilling Siegen, auf eine andere Betrachtungsweise der beiden Patientengruppen aufmerksam und wechselte damit die bisherige Blickrichtung. „Bei Kindern sind es Potentiale, die man als Mediziner versuchen muss zu entfalten. Bei älteren Menschen sind es dagegen Defizite, die die Mediziner ausgleichen müssen.“ Damit entspann sich ein neuer Diskussionsfaden, den Dr. med. Martin Grond, Chefarzt der Neurologie am Kreisklinikum Siegen, sogleich aufgriff. Er sprach von einem Substanzverlust im Alter, fragte aber gleichzeitig auch, wo denn der Übergang vom normalem zum pathologischen Altern sei. „Wir müssen auch mal akzeptieren, dass ein über 90-Jähriger eventuell dement wird.“ Diese Ansicht wurde von den anderen Medizinern positiv aufgenommen – das Feld rückte noch näher zusammen.

Ein weiterer Ausreißversuch brachte schließlich das Peloton auf einen weiteren Diskussionszweig, nämlich den der Symptom- und Schmerzerkennung: „Sowohl in der Geriatrie, als auch in der Geburtsmedizin muss man als Arzt die Symptome richtig deuten können“, so Dr. med. Heinrich Franz, Ärztlicher Direktor im St. Marien-Krankenhaus. „Das stellt eine echte Gemeinsamkeit zwischen den beiden Gruppen dar.“ Von der anderen Seite des Tisches wurde eingeworfen, dass man die Patienten außerdem immer mit ihrer Altersklasse vergleichen müsste und nicht mit gesunden 25-Jährigen. Auch das sei eine weitere Gemeinsamkeit. Genauso wie der Bereich der Schmerzerkennung. „Es ist bei Kindern zwar nicht ganz einfach festzustellen, ob sie Schmerzen haben oder nicht“, “, stellte unter anderem Wolfgang Boehm, leitender Arzt des Bereiches Neonatologie und pädiatrische Intensivmedizin der DRK-Kinderklinik, kurzerhand fest. Es gebe da aber verschiedene Methoden. Außerdem würde Schmerz ja immer anders wahrgenommen, auch im Säuglingsalter. Hier wurde die Brücke zu den älteren Patienten geschlagen, denn ähnlich verhält es sich bei ihnen, so die Meinung der Mediziner. Bedauerlich sei aber, dass bei Demenz dem Patienten das Schmerzempfinden häufig aberkannt wird. „Deshalb appelliert man an die Angehörigen, sich mehr mit den Patienten zu beschäftigen und sie zu beobachten“, sagte Dr. med. Guido Orth.

Nach einem kurzen Blick in die Runde lenkte die Redaktion die Diskussion auf Adipositas (Fettleibigkeit) und Diabetes. Auch hier wurden von den Medizinern rasch Schnittmengen gefunden. „Adipositas tritt heutzutage vermehrt in jeder Altersgruppe auf“, äußerte Prof. Dr. med. Joachim Labenz, Medizinischer Direktor im Diakonie Klinikum. Die Weichen dafür würden oftmals schon vor der Geburt gestellt, warfen andere ein.

Die Redakteure von Gesundheit plus stellten den Medizinern kritische Fragen.
Die Redakteure von Gesundheit plus stellten den Medizinern kritische Fragen.

Finale: Der demografische Wandel wird in Zukunft auch im Gesundheitswesen zu einer der größten Herausforderungen werden. Klar stellten die Mediziner heraus, dass zwischen dem Alter und der Art der Erkrankung ein enger Zusammenhang besteht. Auf der einen Seite nehmen Krebs- und Herz-Kreislauferkrankungen mit steigendem Alter zu. Gleichzeitig wird auf der anderen Seite auch die Zahl der nichtheilbaren, chronischen Erkrankungen wie Diabetes, Demenz oder Herzschwäche weiter steigen. Je älter die Patienten sind, desto häufiger sind sie multimorbide, sie leiden also unter zwei oder mehreren Erkrankungen gleichzeitig.

Doch gibt es auch bei der Carrera-Bahn des Lebens zahlreiche Gemeinsamkeiten. So ist beispielsweise die Kommunikationsfähigkeit zu nennen, die anfangs kaum vorhanden und später im Leben wieder verloren geht. In beiden Phasen ist die Beweglichkeit beeinträchtigt wie die Möglichkeit, die Aktivitäten des täglichen Lebens alleine auszuführen. Schließlich ist nicht jeder Patient im fortgeschrittenen Lebensalter gleichzeitig ein geriatrischer Patient. Denn nicht das Lebensalter ist entscheidend, sondern die Anhäufung von gleichzeitig auftretenden gesundheitlichen Problemen bei einem gealterten Organismus. Genauso wenig sind Kinderkrankheiten nur für Kinder bestimmt.

Pflege
Neben dem medizinischen Bereich wurde die Diskussion auch auf den Bereich der Pflege gelenkt, wo es laut Armin Heck, Pflegedienstleiter Psychiatrie im Kreisklinikum, auch zwischen Geriatrie und Geburtsmedizin eine Gemeinsamkeit gibt: „In beiden Bereichen müssen die Pflegenden besonderen Herausforderungen begegnen, die mit dem Patientenklientel verbunden sind. Aufgrund der eingeschränkten Kommunikationsfähigkeit und den Orientierungsschwierigkeiten im Alltagsgeschehen, die sowohl bei Kindern als auch bei alten Menschen vorhanden sind, wird von den Pflegenden ein professioneller Umgang und eine hohe Empathiefähigkeit gegenüber diesen Patienten gefordert. Diese Fähigkeiten sollten einerseits von den Pflegenden mitgebracht werden, müssen aber auch andererseits noch durch gezielte Fort- und Weiterbildungen geschult werden.“ Ergänzend erläutert Dirk Genz, Pflegedirektor im Kreisklinikum, „dass das Krankenhaussystem außerdem maßgeblich von einer Beschleunigung geprägt ist, die durch die fallpauschalierte Krankenhausfinanzierung und den damit verbundenen kürzeren Verweildauern beeinflusst wird“. Für die bedürfnisoptimierte Pflege und Zusammenarbeit im multiprofessionellen Team, vor allem bei demenziel erkrankten Patienten, sei allerdings dringend eine Entschleunigung des Krankenhausgeschehens von Nöten.

Demenz im Krankenhaus:
Etwa 1 Millionen Menschen in Deutschland leiden unter Demenz, die meisten davon sind an Alzheimer erkrankt. Für die Angehörigen ist dies oftmals eine schwierige Situation, doch auch die Krankenhäuser werden damit vor große Herausforderungen gestellt. Mittlerweile sind rund 12 Prozent aller Patienten über 60 Jahren in Krankenhäusern von einer Demenzerkrankung betroffen. Ihr Anteil wird in Zukunft dramatisch steigen. Meistens kommen die betroffenen Patienten aufgrund einer internistischen Angelegenheit, wie etwa einer Lungenentzündung, einem Herzleiden oder eines Knochenbruchs ins Krankenhaus. Die Demenzerkrankung ist dabei meist nur eine „Nebendiagnose“. Oftmals wird sie auch erst während der Behandlung bemerkt, manchmal auch gar nicht. „Für die Patienten kann so ein Krankenhausaufenthalt die Symptome einer Demenz oftmals verstärken. Die Orientierung fällt ihnen durch die räumliche Veränderung deutlich schwerer als sonst. „Hinzu kommen ein veränderter Tagesablauf und fremde Personen“, so Chefarzt Prof. Dr. med. Joachim Labenz vom Diakonie Klinikum.

Adipositas:
Weit mehr als die Hälfte der Bevölkerung in Deutschland ist übergewichtig. Und die Zahl der Menschen mit starkem Übergewicht steigt immer weiter. Nicht alle von ihnen sind adipös, doch liegt die Zahl hier schon über 20 Prozent. Adipositas, oder auch Fettsucht genannt, ist vor allem ein Phänomen der westlichen Industrieländer. Sie gilt oftmals als eine Ernährungs- und Stoffwechselkrankheit. In Deutschland wird sie eher als körperlicher Zustand und als chronische Gesundheitsstörung verstanden. Adipositas betrifft nicht nur Erwachsene, mittlerweile leiden auch immer mehr Kinder darunter. Hauptgrund für die Krankheit ist vor allem die falsche Ernährung. „Es wird zu fettig, zu viel und zu hochkalorisch gegessen“, so Dr. med. Heinrich Franz. Hinzu komme zu wenig Bewegung, so dass die aufgenommenen Kalorien nicht wieder verbrannt werden könnten. Sie würden „für schlechte Zeiten“ eingelagert – allerdings gäbe es diese nicht mehr, so dass die Fettspeicher sich immer weiter füllen und wachsen.

Kinderkrankheiten:
Dass Kinder oft krank werden, ist keine Seltenheit. Ihr Immunsystem funktioniert einfach noch nicht so wie das eines Erwachsenen, sondern befindet sich „im Training“. Es braucht den Kontakt mit den Erregern in der Umgebung, um Antikörper herzustellen und sich zu wappnen. Bei Säuglingen kommen Infektionskrankheiten direkt nach der Geburt seltener vor, da sie noch Antikörper der Mutter im Blut haben (Nestschutz). Die meisten Kinder werden erst krank, wenn sie mit anderen Kindern in Kontakt kommen, zum Beispiel im Kindergarten oder in der Schule. „Unter Kindern verbreiten sich die Krankheitserreger sehr schnell, zumal einige Kinderkrankheiten schon während der Inkubationszeit ansteckend sind“, so Prof. Dr. Ballmann von der DRK-Kinderklinik Siegen.

Schmerz:
Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Gelenkschmerzen. Mal pochen sie, mal klopfen sie, mal bohren sie, doch immer sind sie unangenehm. Es gibt die unterschiedlichsten Arten und Formen von Schmerz. Meistens wird er als unangenehmer Sinneseindruck wahrgenommen und mit Schmerztabletten übergangen. Doch Schmerz ist für uns überlebenswichtig, schließlich ist er ein Warnzeichen des Körpers. Denn in der Regel schmerzt es, wenn Schaden droht, zum Beispiel durch äußere Einflüsse oder Erkrankungen. Normalerweise geht dem Schmerz ein Reiz voraus, der lokal und zeitlich begrenzt ist. Hier spricht man von einem akuten Schmerz. Besteht er allerdings schon über einen längeren Zeitraum und kann nicht mit einem bestimmten Auslöser in Verbindung gebracht werden, dann spricht man von einem chronischen Schmerz.

Schmerzen müssen nicht immer eine körperliche Ursache haben. Manchmal lösen sie auch psychische Faktoren aus. Eine besondere Form des Schmerzes tritt auf, wenn jemand zum Beispiel eine Gliedmaße amputiert bekommen hat. Der Betroffene verspürt oftmals weiterhin einen Schmerz im Bein, obwohl er dieses gar nicht mehr hat. Hier spricht man von so genannten Phantomschmerzen.

Text: Chantal Kleinschmidt und Dr. Christian Stoffers

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