Das Phantom aus der Applauskurve

Phantomschmerz

Der Schmerz ist ein Phantom, doch Bernd M. malträtiert er Tag für Tag. Dumpf pocht er im rechten Unterschenkel, den er bei einem Motorradrennen in der sogenannten Applauskurve kurz vor der Lützel verloren hatte. Der gespenstige Schmerz befällt rund zwei Drittel der Amputierten und tritt typischerweise innerhalb der ersten Tage nach Verlust des Körperglieds auf. Der Schmerz im abgetrennten Körperglied kann dabei variieren und fluktuieren; das heißt, seine Intensität steigt und klingt dann wieder ab. Zudem gibt es zahlreiche Variablen, die ihn verstärken oder abschwächen. Häufig tritt er in den am weitesten entfernt gelegenen, distalen Körperbereichen des Phantoms auf und unterscheidet sich dadurch von Stumpfschmerzen. Letztere können lokal durch Nervenwucherungen der durchtrennten peripheren Nerven im Bereich der Abtrennungsstelle, durch Hautdefekte, Durchblutungsstörungen, schlecht sitzende Prothesen oder Prothesendruckstellen bedingt sein und unterhalten werden.

Oft beklagen die vom Phantom betroffenen Patienten einen ähnlichen Schmerz wie jenen, den sie vor der Amputation hatten. So kann beispielsweise ein verletzungsbedingter schwerer krampfartiger Schmerz im Fuß vor der Amputation danach in ähnlicher Form als Phantomschmerz auftreten. Der Schmerzcharakter wird als brennend, bohrend, stechend, einschießend und elektrisierend beschrieben. Bildend können physikalische Faktoren wie Kälte, Wärme und Wetterwechsel, aber auch psychologische Mechanismen wie Stress, Angst, Depression und Schlafstörungen wirken.

„Der Phantomschmerz ist wie ein Ohrwurm oder ein furchtbares Erlebnis, das nicht mehr aus dem Kopf geht“, erklärt Prof. Dr. med. Werner Hering, Chefarzt der Klinik für Anästhesiologie im St. Marien-Krankenhaus Siegen. Schmerz und Trauma vor und während der Amputation prägen sich wie beim Lernen ins Gedächtnis ein. Der Professor betont daher, wie wichtig die richtige Narkose vor der Amputation ist: „Jede Schmerzinformation an das Gehirn sollte blockiert werden, um eine Einprägung zu verhindern.“ So könne wahrscheinlich dem Phantomschmerz weitgehend vorgebeugt oder dieser zumindest signifikant und klinisch relevant reduziert werden. „Das Verfahren der ersten Wahl ist dabei eine kombinierte Anästhesie unter Einsatz von epiduralen oder peripheren Nervenkathetern“, so Hering. Treten trotz der genannten perioperativen Akutschmerztherapie im weiteren Verlauf Phantomschmerzen auf oder kommt es gar zu einer Chronifizierung, müssen sämtliche Optionen der multimodalen Schmerztherapie eingesetzt werden.

Bernd M. muss mit seinem Phantom Leben lernen. Auch die Bilder von dem Unfall, an dem er auch seine Freundin verlor, werden ihn lange begleiten. Für den empfunden Schmerz gibt es Hoffnung: Neue Erkenntnisse haben zu experimentellen Therapieansätzen geführt, bei denen das Gehirn durch andere Reize abgelenkt wird.  Ist es dann zu beschäftigt, hört auch der Phantomschmerz auf, hoffen die Forscher.

Quelle: St. Marien-Krankenhaus Siegen
Foto: © lassedesignen – Fotolia.com

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