Schmerz, lass nach!

„Schmerz ist ein Symptom. Er wird nicht im Körper, sondern im Gehirn wahrgenommen“, lautet das Kondensat einer Befragung Siegerländer Ärzte zum Thema Schmerz. Es wird damit die Vorstellung begegnet, dass es sich bei jenem elektrischen Impuls, der in Bruchteilen einer Sekunde von der verletzten Körperregion über das Rückenmark ins Gehirn hechtet, schon um Schmerz handelt. Und tatsächlich ist jener Prozess, bei dem in unserem Bewusstsein das Gefühl eines Schmerzes entsteht; ein besonders kompliziertes und dynamisches Geschehen, was im Menschlichen Körper abläuft. Und nicht selten wird nicht schnell genug gehandelt: Grade den Siegerländerinnen und Siegerländer sagt man nach, dass sie erst nach Jahren kommen, um sich einer Behandlung der dann chronisch gewordenen Erkrankung zu unterziehen. Bis dahin waren sie häufig zuvor bei bis zu zehn Ärzten, die je nach Fachrichtung und „Schule“ unterschiedliche Ursachen als verantwortlich ausmachten, ohne dem Gefühl „Schmerz“ wirksam zu begegnen. Er ist dann zu einer eigenständigen Krankheit – der Schmerzkrankheit – geworden.

Klassiker „Rücken“

Der Klassiker sind dabei Rückenschmerzen: Der Orthopäde wird zurate gezogen. Er kann die Ursache nicht genau lokalisieren und kuriert mitunter Randbefunde. Das Problem: Es wird keine Schmerztherapie eingeleitet, sondern das Heil in der Operation gesucht. Die Folge: Nach und nach wird der Schmerz zum Mittelpunkt des Lebens. Denn schon nach sechs Wochen droht die Chronifizierung des Schmerzes. Was dann folgt, ist ein Teufelskreis aus Ausgrenzung und durchlebter Tortur. Der Rat der von doqtor befragten Mediziner: Möglichst früh den Hausarzt aufsuchen, damit dieser die ersten Schritte einleiten kann.

Besorgt sind die Siegerländer Mediziner über die Unterschätzung des Problems. Sie weisen darauf hin, dass die Schmerzforschung in den letzten Jahren mächtig an Fahrt gewonnen hat. Mit modernen Methoden können die Forscher flapsig beschrieben das Tuscheln der Nervenzellen vernehmen. Sie studieren in Laboren die Funktion verschiedener Botenstoffe. Lassen Nager für die Pain von uns leiden. Und sie vermögen es, mit den ausgeklügelten Verfahren der modernen Bildgebung dem Gehirn quasi in Echtzeit dabei zuschauen, wie es das Gefühl Schmerz erzeugt. Ein einziges Schmerzzentrum hat es dabei nicht. Vielmehr sind verschiedene Regionen des Denkorgans beteiligt und ordnen dem eintreffenden Signal beispielsweise eine emotionale Bedeutung zu. Sodann verknüpfen sie es mit anderen Informationen, etwa Erinnerungen. So unterliegen Verliebte weniger der Gefahr einer Chronifizierung als der klassische Rückenpatient, der aufgrund seiner Krankheit auch Ausgrenzung am Arbeitsplatz erfährt. D.h., erst das Zusammenspiel unterschiedlicher Hirnbereiche, ihre verstärkenden oder dämpfenden Einflüsse, lässt das komplexe Gefühl Schmerz entstehen – oder unterdrückt es.

Shopping in der Krönchenstadt

Und als wäre das alles noch nicht kompliziert genug, kommen noch weitere Prozesse hinzu, die im menschlichen Gehirn ablaufen: Lernen, Gedächtnisausbildung, Vergessen. Diese Phänomene spielen eine entscheidende Rolle, wenn Schmerzen chronisch werden. Der Fähigkeit zu Lernen verdanken wir nicht nur, dass wir das ABC, Gedichte oder den Weg zum Shopping in die Krönchenstadt durch ständiges Wiederholen fest in unserem Gedächtnis verankern und bei Bedarf abrufen können. Auch ständige Schmerzreize führen dazu, dass das Nervensystem den Schmerz lernt – ein Schmerzgedächtnis entsteht.

Es bildet sich heraus, weil ständige Schmerzreize die Abläufe im Zentralnervensystem beeinflussen können. Nervenzellen im Rückenmark reagieren beispielsweise dadurch sensibler. Sie geben Impulse selbst bei leichten Reizen und schalten Signale zum Denkorgan durch, die normalerweise auf dieser Stufe geblockt würden. Das heißt natürlich nicht, dass Schmerzfreiheit der Normalzustand ist. Flapsig formuliert: Ein 50jähriger, der morgens wach im Bett liegt und keine Schmerzen hat, ist vermutlich tot. Völlige Schmerzfreiheit kann daher oft nicht das Ziel sein.

Die Lernfähigkeit führt leider nicht nur dazu, dass sich ein Schmerzgedächtnis bildet. Weil Schmerz unangenehm ist, wird die Erinnerung daran im Gehirn mit dem Gefühl „Angst“ verknüpft. Diese Verbindung steigert den Lernvorgang enorm – Kinder fassen auch kein zweites Mal auf die heiße Herdplatte. Der Schmerz als wichtiges Warnsignal verselbständigt sich. Aus einem Akutschmerz wird ein ständiger, angstbereitender Begleiter, weil beispielsweise eine Krebserkrankung nicht mehr geheilt werden kann oder die ständigen Schmerzen das Nervensystem verändert haben.

Rückzug als Folge

Krebspatienten möchten diese ständige Verstärkung unterbrechen. Sie streben dabei jedoch nicht Schmerzlosigkeit an, sondern möchten einen Schmerz im unteren Bereich einer imaginären Skala empfinden. Hier verweist doqtor auch auf die ambulante Palliativversorgung in der Region, die Leuchtturmcharakter in ganz Nordrhein-Westfalen aufweist.

Die fatalen Folgen der Angst: Sie verhindert, dass Patienten Dinge unternehmen, die ihnen Freude bereiten. Dies schränkt die körperlichen und sozialen Aktivitäten immer mehr ein, was wiederum Schmerzen und Depression fördert. Schließlich ziehen sich die Patienten komplett zurück und starren – die Arme auf dem Kissen abgestützt – aus dem Fenster, weil sie überzeugt sind, dass sie unmöglich längere Zeit stehen, gehen oder sitzen können, selbst wenn es doch einmal möglich wäre.

Lässt sich dieser verhängnisvolle Kreislauf durchbrechen? Davon sind die Siegerländer Mediziner überzeugt: Die Kombination aus Medikamenten und Verhaltenstherapie kann neue Lernprozesse anstoßen. Hierbei sollen alte und unangenehme Gedächtnisinhalte quasi überschrieben werden.

Abschließend gilt, dass auch nach einer bereits eingetretenen Chronifizierung durch eine konsequente und langfristige Behandlung Erfolge möglich sind. Allerdings brauchen Arzt und Patient neben verschiedenen Medikamenten, Bewegungstherapie und psychologischen Strategien insbesondere sehr viel Geduld und Vertrauen. Es dauert, bis die überaktiven Nervenzellen gedämpft und das Schmerzgedächtnis durch neue Verhaltensmuster überschrieben werden kann.

Text: Christian Kreuzberg
Foto: © Photographee.eu – Fotolia.com

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