Von der Vergangenheit eingeholt

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Katja Thimm liest aus ihrem Buch „Vatertage. Eine deutsche Geschichte“

Es ist eine sehr intensive Verknüpfung von Lebens-, Leidens- und Zeitgeschichte: Katja Thimm liest am 3. Februar 2014 um 18.30 Uhr im Neuen Hörsaal des St. Marien-Krankenhauses Siegen aus ihrem Buch „Vatertage. Eine deutsche Geschichte“. „Damit spricht sie ein pflegerisch-therapeutisches Fachpublikum, aber insbesondere auch von Demenz betroffenen Familien an“, erklärt Prof. Dr. Insa Fooken, Moderatorin der Veranstaltung.

Damit spricht sie ein pflegerisch-therapeutisches Fachpublikum, aber insbesondere auch von Demenz betroffenen Familien an“

Die 1969 geborene Autorin, die sich als Reporterin beim Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ einen Namen gemacht hat, erzählt von ihrer wohlbehüteten Kindheit in der „Bonner Republik“ der 1970-er Jahre. Der Vater ist ein hoher Beamter im Gesundheitsministerium; doch manchmal und ganz unvermittelt zeigt die Normalität des Familienlebens Risse. Thimm fängt an zu ahnen, dass plötzliche Stimmungsumschwünge oder eine leidenschaftlich-qualvolle Ordnungsliebe, dass Anspannung und Strenge des Vaters ihren Ursprung in traumatischen Kindheits- und Jugenderfahrungen haben. Ihm, dem mit eiserner Disziplin alles gelingt, entgleiten die Dinge im Alter zunehmend. Er kann den Badewannenstöpsel nicht ergreifen und verbringt eine ganze Nacht in der Badewanne. Dann schließt er sich im Winter bei Minustemperaturen im Schlafanzug aus der Wohnung aus. Im Verlauf seiner demenziellen Erkrankung wird er zunehmend von den Gespenstern der Vergangenheit heimgesucht. Da werden die Pflegekräfte zu Feinden, die Kinder müssen vor Bombenhagel geschützt werden. „Erfahrungen, die auch in Altenheimen in der Region gemacht werden“, wie Willi Ax, Direktor der Wohn- und Pflegeeinrichtungen des GSS Gesundheits-Service Siegen als Veranstalter der Lesung bestätigt. „Das Silvesterfeuerwerk führt da oft zu Ausnahmesituationen in den Senioreneinrichtungen.“

Katja Thimm beschreibt in „Vatertage“ eindrücklich die Kriegserfahrungen des Vaters, der als Kind den Wagen auf der Flucht vor der Roten Armee über die gefrorene Nehrung lenkt – immer unter Beschuss von Tieffliegern und Artillerie, so dass Tod und qualvolles Sterben allgegenwärtig sind. Später, als junger Mann, gerät er in die Fänge der DDR-Behörden und verbüßt sechs Jahre Haft in einem Zuchthaus. „Thimms Buch bricht das Schweigen der Generation der sogenannten Kriegskinder“, formuliert es Dr. Christian Stoffers aus dem St. Marien-Krankenhaus. Es handle sich um ein Porträt der Verbundenheit zweier Generationen und veranschauliche, dass Gesellschaftliches und Privates untrennbar miteinander verbunden sind. Selbst in der nächsten Generation, aber insbesondere auch im Alter der Betroffenen wirke dies nach, wenn Verdrängung nicht länger gelingt.

„Die Autorin richtet den Fokus auch auf die Krankheit Demenz und damit einhergehende Verhaltensänderungen, die aus der Biografie der Betroffenen heraus für Angehörige verstehbar werden“, so Fooken. Die Professorin der Universität Siegen betrachtet das ganze Spektrum der Lebensphasen und der im Lebensverlauf eingebetteten Entwicklungsprozesse. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt zum einen im Bereich der Entwicklung im Erwachsenenalter und zum anderen in der Sensibilisierung gegenüber „kulturell-umweltspezifischen“ Aspekten.

Veranstalter der Lesung sind die Fakultät II – Psychologie und die Familien-Servicestelle der Universität Siegen, das St. Marien-Krankenhaus Siegen mit dem GSS Gesundheits-Service Siegen sowie das Demenzservice-Zentrum Südwestfalen. Die Wohn- und Pflegeeinrichtungen des GSS werden mit einem Stand über das Thema Demenz in der stationären Altenhilfe informieren.

Der Eintritt zu der Veranstaltung ist frei.

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Quelle: St. Marien-Krankenhaus

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