„Ich war immer der Verwirrte“

Diagnose Autismus: Mit Hilfe der Diakonie in Südwestfalen möchte Nils K. eine Selbsthilfegruppe gründen

Symbolbild pixabay – KI generiert

Siegen. Soziale Normen und Verhaltensregeln begleiten uns Tag für Tag. Ganz automatisch schauen wir unserem Gegenüber beim Gespräch in die Augen, erkundigen uns im Smalltalk nach der Familie oder fragen nach, wenn wir das Gefühl haben, dass unserem Gegenüber etwas auf dem Herzen liegt. Für Menschen, die unter einer autistischen Störung leiden, bleiben diese „normalen“ Verhaltensweisen indes ein Buch mit sieben Siegeln. So auch für Nils K.. Erst wenige Monate ist es her, dass der 24-Jährige die Diagnose erhielt: „Bis dahin war ich immer der Verwirrte. Eben der Junge, der durchgehend auf dem Schlauch stand.“ In Zusammenarbeit mit Silke Sartor von der Selbsthilfekontaktstelle der Diakonie in Südwestfalen möchte der Siegener nun einen Gesprächskreis gründen, in dem sich Betroffene austauschen können. 

Beim Autismus handelt es sich um eine komplexe und vielgestaltige, neurologische Entwicklungsstörung. Diese wird schon in früher Kindheit sichtbar und ist gekennzeichnet durch Probleme im wechselseitigen sozialen Umgang und Austausch, durch Auffälligkeiten in der sprachlichen und nonverbalen Kommunikation sowie an eingeschränkten Interessen mit stereotyp ablaufenden Verhaltensweisen. Dass immer etwas anders war, daran erinnert sich auch Nils K., wenn er an seine Kindheit zurückdenkt: „Ich hatte wenig Bedarf an Körperkontakt. Zudem war ich immer lärmempfindlich und litt unter Neurodermitis.“ Auch das Schlafen bereitete ihm als Kind große Probleme: „Eine Sache hat mir aber immer geholfen, um mich zu entspannen. Im Bett habe ich mir vorgestellt, dass ich ganz alleine sei. Um mich herum herrschte Nichts. Das hat mich immer beruhigt“, sagt der heute 24-Jährige. Dabei sei es in keinster Weise so, dass er den Kontakt zu Menschen grundsätzlich ablehne: „Dass Autisten die Einsamkeit vorziehen, ist ein Mythos.“ Und deshalb ist es für den Siegener wichtig, den Austausch zu suchen: „Denn ich kenne einfach keine Autisten.“

Zwei gute Freunde hat der junge Mann. Mit ihnen teilt er eine Leidenschaft: Videospiele. Dabei sind die Strukturen klar – und es gibt keinen Smalltalk. Auch mit Tieren kann der Siegener gut umgehen. Ebenso mit jüngeren Kindern, wie er bei einem Praktikum im Kindergarten erlebte: „Kinder sind direkt und nicht so emotional wie Erwachsene. Das kommt mir zugute.“

Nils K. selbst war ein guter Schüler, bis zur Mittelstufe: „Hier wuchsen die sozialen Anforderungen, und meine Leistungen sackten ab.“ Was folgte, war ein Schulwechsel – und eine immer weiterschreitende Abschottung. Um die Welt auszublenden, ist Nils K. auch heute noch oft mit Kapuze und Kopfhörern unterwegs. Die Realität überfordert schnell. Doch je älter er wurde, desto angestrengter suchte er nach Hilfe. Er suchte Ärzte auf, probierte einige Selbsttests aus. Sein Hausarzt überwies in schließlich zu einem Facharzt für ADHS. Dort testete man weiter, bis vor wenigen Monaten der Autismus bestätigt wurde. Nils K. hat bereits gelernt, damit zu leben. Er studiert, lebt in einer Wohngemeinschaft. Doch der Austausch fehlt ihm: „Der Austausch in einer Gruppe, in der die Kommunikation nicht so anstrengend ist, weil dort Menschen sind, die mich verstehen“, sagt er.

Wer Interesse daran hat, der Gruppe beizutreten, kann sich bei der Selbsthilfekontaktstelle der Diakonie Soziale Dienste unter Telefon 0271 / 5003 131 oder per E-Mail an Selbsthilfe@diakonie-sw.de melden.

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