Näher am Menschen – neues Pflegeverständnis

Rehabilitation

Die Wohn- und Pflegeeinrichtung Haus Mutter Teresa setzt auf ein neues Konzept bei der Pflege und Betreuung. Mäeutik lautet das Schlagwort, das die Runde macht. Das mäeutische Pflege- und Betreuungsmodell wurde von der niederländischen Krankenschwester und Historikerin Dr. Cora van der Kooij ursprünglich für den gerontologischen Bereich entwickelt. Mittlerweile hat sich jedoch herausgestellt, dass dieses Modell in allen Bereichen der Langzeitpflege anwendbar ist. Ein gesondertes Konzept für die Pflege und Betreuung von Demenzkranken kann entfallen. Um Pflegemodelle einordnen zu können, müssen Aussagen über vier Sichtweisen gemacht werden: das Menschenbild, den Gesundheitszustand, die Art und Weise der pflegerischen Versorgung und die Versorgungsumgebung.

Im mäeutischen Pflegemodell wird die Sichtweise auf die Art und Weise der pflegerischen Versorgung und der Umgebung anhand der erlebensorientierten Pflege beschrieben. Frau van der Kooij definiert diese folgendermaßen: „Erlebensorientierte Pflege heißt, die Intention, die Persönlichkeit eines Bewohners zu verstehen, zu berücksichtigen und zu begreifen, wie der Bewohner seine Situation erlebt und verarbeitet. Erlebensorientierte Pflege ermöglicht dem Bewohner das Erleben von Nähe, Zusammengehörigkeit, Freude, Sinn, Spaß und allem, was noch möglich und gewünscht ist.“ (van der Kooij 2010) Pflegende setzen sich in die Erlebenswelt der Bewohner hinein und reagieren dementsprechend. Das heißt, einen wirklichen Kontakt zum Bewohner herzustellen. Die Begriffe Empathie und Intuition sind für das Zustandekommen von diesem Kontakt von wesentlicher Bedeutung. Pflegende dürfen sich auf die Bewohner „einlassen“, was auch von den Pflegenden im Haus Mutter Teresa als wohltuend empfunden wird.

Nicht in der Pflege tätige Mitarbeitende erhalten einen eintägigen Basiskurs, damit alle im Haus Mutter Teresa Tätigen den Bewohnern in gleicher Weise begegnen können. Bewohnerbesprechungen mit allen beteiligten Bereichen werden als bereichernd empfunden, weil nicht Probleme oder Defizite im Vordergrund stehen, sondern positiv erlebte Kontakte. Mitarbeitende lernen aus der Erfahrung, die die Kollegen mit dem Bewohner gemacht haben und bekommen ein vollkommen neues Bild des Bewohners.

Die Sichtweise auf Gesundheit und Krankheit im Modell ist eng mit dem Menschenbild verbunden. Dieses Menschenbild ist vorrangig gekennzeichnet durch die Verletzlichkeit des Menschen und dessen Abhängigkeit. Gerade die Berufsgruppe der Pflegenden wird in der täglichen Arbeit ständig mit der Kehrseite der menschlichen Existenz und deren Auswirkungen wie Leid, Schmerz, Trauer und auch Tod konfrontiert. Darum stehen die Pflegenden immer wieder vor der Aufgabe, ihre eigene Herangehensweise zu finden, um eine verantwortungsvolle Pflege und Betreuung zu gewährleisten. In einer Wohn- und Pflegeeinrichtung ist ein Großteil der Bewohner hochbetagt, chronisch erkrankt oder von Demenz betroffen und steht vor der Herausforderung, unwiederbringliche Verluste zu verarbeiten und trotz allem noch Lebens- und Zukunftsperspektive zu finden. Beim mäeutischen Modell ist nicht der gesunde, sondern der verletzliche Mensch richtungsweisend. Intuitives Wissen und Können der Pflegenden, welches durch Pflegepraxis und Lebenserfahrung bereits vorhanden ist, wird hervorgeholt und bewusst gemacht. Das stärkt alle Mitarbeitenden im Haus Mutter Teresa und fördert das gute Miteinander, welches in unserem Leitbild verankert ist. Ziel der Verantwortlichen ist es, dass bis zum 2. Quartal 2015 alle Mitarbeitenden einen ein- bis dreitägigen Basiskurs abgeschlossen haben. Für besonders talentierte und interessierte Mitarbeitende werden Aufbaukurse angeboten. Bis dahin wird das Modell schriftlich vorliegen und die Dokumentation rechtssicher geklärt sein.

Hintergrund

Beim derzeitigen Pflegekonzept – dieses ist der Pflege in einem Krankenhaus sehr ähnlich – ist es oft schwierig eine Pflegeplanung mit praktischem Nutzen zu erstellen und zu evaluieren. Werden gesteckte Ziele wegen der eingeschränkten Möglichkeiten der Bewohner nicht erreicht, so wird das oft von den Pflegenden als ein Versagen empfunden. Daher wurde nach einer neuen Konzeption gesucht, die besser auf die Belange einer Wohn- und Pflegeeinrichtung eingehen. Das mäeutische Pflege- und Betreuungsmodell hat sich geeignet erwiesen, die Probleme in der Pflege zu überwinden.

Bereits vor zwei Jahren haben Heimleiterin Ingrid Appelkamp, Pflegedienstleiterin Carola Jablonski und Direktor Willi Ax Kontakt zur Akademie für Mäeutik Deutschland aufgenommen, um dieses Konzept für den Einsatz zu evaluieren. Ein Besuch in einer Einrichtung, die Mäeutik bereits praktiziert, hat dann die Verantwortlichen darin bestärkt dieses Modell auch im das Haus Mutter Teresa einzuführen. „Die Atmosphäre des Miteinanders in dem besuchten Pflegeheim war positiv spürbar“, so Ingrid Appelkamp.

Voraussetzung für eine Implementierung in Haus Mutter Teresa ist ein eng gesteckter Zeitrahmen für Mitarbeiterschulungen. Auch muss Know-how vor Ort vorhanden sein, damit die Pflegenden auch in der Praxis eng begleitet werden können. Carola Jablonski wurde daher zu Mäeutik-Trainerin ausgebildet und konnte bereits den ersten Basiskurs, der mit 16 Pflegenden im August abgeschlossen wurde, anleiten. „Die Rückmeldungen der Teilnehmer war durchweg positiv, es macht den Pflegenden Freude, das Erlernte umzusetzen. Sie haben den Eindruck, dass die Pflegeplanung endlich einen praktischen Sinn hat, die Bewohner wirklich im Mittelpunkt stehen und auch die Pflegenden nicht vergessen werden“, berichtet Carola Jablonski.

Quelle/Foto: St. Marien-Krankenhaus Siegen

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